Fundamentalismus „made in USA“

Die Evangelikaner [d. meist Evangelikale, engl. evangelicals, s. http://www.efb.ch/Texte/efusa/polit.htm] vertreten einen theologisch_konservativen Protestantismus der gewisse Parallelen zum Pietismus aufweist, wie er im Schwabenland noch weit verbreitet ist. Bereits 1980 bezeichneten sich mehr als die Hälfte der weissen Delegierten der Republikaner als Fundamentalisten. 1988 bezeichneten sich 1/3 der US-Bürger die einer Glaubensgemeinschaft angehörten als Fundamentalisten (NZZ 27.8.1988).
Politik wie Wirtschaft haben sich diesen Trend zu Nutze gemacht: An allen Tele-Evangelisten ist ihre mangelnde Distanz zum bürgerlichen Materialismus auffällig. [http://www.efb.ch/Texte/efusa/fundev.htm] Berühmte Evangelicals sind etwa Jerry Falwell, Jimmy Swaggart (der wegen eines Besuchs bei einer Prostituierten etwas an Glaubwürdigkeit verlor), Jim Bakker, dessen Glaubwürdigkeit wegen einer Affäre mit seiner ehemaligen Sekretärin litt, wie darunter, dass er wegen Missbrauchs von Spendengeldern für persönliche Zwecke, sowie Steuerhinterziehung und Veruntreuung zu 45 Jahren Haft verurteilt wurde und Pat Robertson, Gründer der Christian Coalition, Bewerber um das Präsidentenamt 1988. Letzterer hat gestern, am 24. August 2005 bewiesen, dass für die christlichen Fundamentalisten die selbe Regel gilt wie für islamische: Sie sind keine Gläubigen, sondern streben nach persönlicher Macht. Robertson hat dazu aufgerufen, den venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chavez zu ermorden. (Venezuela hat Oel, die USA brauchen es. Chavez ist Linksdemokrat, die USA eine Geldaristokratie ….) Abgesehen davon, dass die Erde ziemlich leer wäre, würden wir nicht nur jeden Dummschwätzer, sondern auch gleich noch jeden, der uns nicht passt, einfach umbringen, gibt es vermutlich kein eindeutigeres Kriterium, jemanden als Nicht-Christen zu klassieren, als ein Aufruf zu Gewalttätigkeit.
Die Evangelikaner (Evangelikalen) haben substantiell beigetragen zur Wahl von Jimmy Carter, Ronald Reagan, Bush Senior und Junior! Wenn Sie sich das Denkgebäude dieser Gruppierungen im folgenden Text etwas ansehen, werden Sie einiges besser verstehen, warum Bushs Politik für uns Europäer oft ziemlich unverständlich ist.
Ein übles Beispiel vorweg: Der Prediger James Robinson ist der Meinung: Es wird keinen Frieden geben, bis Jesus kommt. Das fundamentalistische Festhalten an diesem Bibelwort bedeutet für die Getreuen, dass jede Lehre von Frieden Häresie ist. Internationale Friedensinstitutionen und Friedensinitiativen, UNO, EG und sogar Bürgerforen (sic!) sind der Antichrist. Wen wundert’s, mit welch faulen Argumenten sich Bush gegen den Internationalen Gerichtshof sträubt.
Zur Zeit zeigt sich allerdings, dass auch Fundamentalisten manchmal recht haben. Die Evangelikalen der USA haben nämlich festgestellt, dass die Bibel dem Menschen die Verantwortung für Gottes Schöpfung übertragen hat, und leiten davon ab, dass sich die Menschen (über die Politik u.a.) für Umweltschutz, also auch gegen die globale Erwärmung, und für die Armen einsetzen müssen. Damit geraten sie nun direkt in den Clinch mit ihrem politisch höchstgestellten Mitglied, Bruder Bush.
2.b Evangelikaler Fundamentalismus in Afrika
Die evangelikalen Missionen wirken besonders in den Städten. Dort sammeln sich die entwurzelten Landflüchtigen, geraten meist in Slums, Verschuldung, kurzum eine ziemlich hoffnungslose Situation. Das ist der beste Boden für Wunderheiler: Gott wird alle Probleme lösen – aber jeder ist für sein Heil und die Erlösung von Armut und Krankheit selbst verantwortlich. Obwohl diese Aussage, wenn ernst genommen, Organisationen wie die Kirche auch gleich überflüssig macht, haben derartige populistische Heilsprediger eine Affinität zu Macht und politischer Autorität, die sie nicht kritisieren. Im Gegenzug wird gerade der extreme Protestantismus von Staatsführern, Politikern und Reichen sehr geschätzt, da sie nicht wegen Ausbeutung der Armen angeklagt werden, sondern sich im Selbstbewusstsein sonnen können: „Gott liebt mich. Hätte er mir sonst all das gegeben?“
Die äusserst theatralische Form amerikanischer Gottesdienste, mit Singen, Klatschen, Halleluja, Jesus und oh Lord-Rufen, Erweckungsbekenntnissen und meist Zungenreden fügt sich gut in afrikanische Traditionen. Verstärkend kommt der Wunderglaube hinzu. In einem Punkt wurde aber dieser protestantische Fundamentalismus so fundamentalistisch, dass er gleich das Verfahren wieder einführte, dass eigentlich zu den Thesen Luthers geführt hat, den Ablass nämlich. Natürlich redet heute niemand von Ablass, aber mit:
* Versprechungen: Was Du gibst, wird Gott in mehrfacher Weise zurückgeben.
* Angst: Wenn Du nichts gibst, liebst Du Gott nicht, du verharrst in der Sünde, und Gott wird deine Probleme nicht lösen.
Also präzise das selbe Verfahren wie im Mittelalter. Die Kirche erhält Geld, steuerfrei, aber für die Erlösung ist nach wie vor das Individuum und Gottes Gnade zuständig. Ein ziemlich fauler Zauber.

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